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Deutscher Naturschutzpreis 2012

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"Stadt braucht Natur - gemeinsam für Vielfalt, Naturerfahrung und Lebensqualität". Unter diesem Motto loben das Bundesamt für Naturschutz (BfN) und der Outdoor-Ausrüster Jack Wolfskin den diesjährigen Deutschen Naturschutzpreis aus. Die hochkarätig besetzte Jury vergibt den Preis für originelle Projektideen aus Naturerlebnis, Naturbildung und Naturschutz in den drei Kategorien: Förderpreis, Bürgerpreis und Ehrenpreis. Die Bewerbungsfrist für Förder- und Ehrenpreis endet am 9. April 2012, für den Bürgerpreis aber am 3. August 2012.

Weitere Informationen unter: www.deutscher-naturschutzpreis.de.

Ober- und Orankesee, Teil 1: Die Geschichte der Gewässer

Fotos: H. Nabrowsky: Orankesee, Obersee, Eisbaden 2011

von Heinz Nabrowsky   /   Druckversion

Wasser zieht die Menschen magisch an, was sicherlich mit ihrer evolutionsbiologischen Prägung zu tun hat. So verhält es sich auch im Verhältnis der Berliner mit ihren Gewässern. Ohne Spree und Havel, Müggelsee oder Wannsee wären die waldgeprägten Erholungsgebiete für viele Besucher ohne Attraktion. Für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten stellen diese Oberflächengewässer ihren speziellen Lebensraum dar.

Der Bezirk Lichtenberg gehört zu den gewässerreichsten Bezirken Berlins, allerdings nur von der Anzahl her. Ober- und Orankesee zählen zu den auch über die Bezirksgrenzen hinaus bekannten Landseen. Der folgende Beitrag bezieht sich auf die Entwicklung der beiden Seen. In einem späteren Beitrag soll auch über die geplante Sanierung und zukünftige Entwicklung der beiden Seen berichtet werden.

Der Obersee gehört zu den künstlich angelegten Gewässern in Berlin - und diese sind in der Überzahl. Die meisten künstlichen Seen und Teiche (z.T. auch Pfuhle genannt, wie der Fennpfuhl) wurden aus wasserwirtschaftlichen Gründen angelegt. Jede Großstadt regelt die Ableitung des Regenwassers unterschiedlich, obwohl die meisten größeren Städte sich am Ufer von Gewässern entwickelt haben. In Berlin gibt es zwei unterschiedliche Ausgangslagen - die des Spree­tals und die der Hochflächen. Auf den Hochflächen herrschen schwierige Bodenverhältnisse. In dem nach Ende der letz­ten Eiszeit abgelagerten Geschiebemergel befinden sich oft bandförmige Sand- und Torfablagerungen. In den Mergel­schichten kann Niederschlagswasser kaum abfließen. Es sammelt sich daher oft an der Oberfläche in abflusslosen Sen­ken. Im Laufe der Zeit entstanden so nach der letzten Eiszeit zahlreiche Feuchtgebiete und Niedermoore im Berliner Ge­biet.

Auf der Barnimhochfläche, die im Bezirk Lichtenberg die Bodenverhältnisse nördlich der Frankfurter Allee/ Straße Am Tierpark bis zur Landesgrenze prägt, gab es nach der letzten Eiszeit (die etwa 10.000 Jahre zurückliegt) mehrere Sied­lungen. Erst nach der Gründung der Dörfer (heute die Ortsteile Malchow, Falkenberg, Wartenberg, Hohenschönhausen, Lichtenberg) fanden umfangreiche Rodungen der Wälder und die Entwässerung von Feuchtgebieten statt. Auf den Ur Meßtischblättern von 1835 ist zu erkennen, dass zu diesem Zeitpunkt eine vollständige Regulierung der Oberflächenge­wässer stattgefunden hatte, um landwirtschaftliche Nutzungen durchzuführen. Die Entwässerung von Feuchtgebieten und Mooren hatte in Brandenburg eine jahrhundertelange Tradition, um das Land zu besiedeln.

Auf diese alten Entwässerungssysteme baut im Wesentlichen das heutige System der Regenentwässerung auch im be­siedelten Bereich auf. Die wichtigsten Vorfluter, also Grabensysteme, die der Entwässerung dienen, haben ihre Lage nicht verändert - oft nicht einmal den Namen. Wo sich die Stadt in ihrer Entwicklung auf den Landwirtschaftsflächen ausdehnte, waren viele Gräben ein Hindernis - sie wurden dann verrohrt, um die angrenzenden Flächen besser nutzen oder gar bebauen zu können. Ein Beispiel dafür ist der Marzahn - Hohenschönhauser Grenzgraben, der aus der Ge­gend um den Friedhof Marzahn bis zum Friedhof Friedrichsfelde verläuft, wo er dann unterirdisch in einer Röhre bis zur Spree in den Rummelsburger See fließt.

Der Obersee soll 1894 angelegt worden sein. Zu diesem Zeitpunkt trennte bereits ein Damm den Orankesee von der Lindwerder Laake und dem Elspfuhl, die sich beide östlich des Orankesees in einer sumpfigen Niederung befanden. Durch eine Rohrverbindung war aber der Zufluss in den Orankesee von der Lindwerder Laake her weiter gesichert. Im Zusammenhang mit dem ebenfalls 1894 errichteten Wirtshaus am Orankesee, das der in der Nachbarschaft befindlichen Brauerei - in der Nähe der heutigen Konrad?Wolf?Straße - als Ausschank diente, kam es dann zum Anstau der Lindwer­der Laake und somit zur Entstehung des Obersees. Die Anlage eines neuen Gewässers war einfach: Die hier in den Orankesee mündende Lindwerder Laake (ein Grabensystem) wurde aufgestaut. Auf Grund des mergeligen Untergrun­des konnte das aufgestaute Wasser kaum ablaufen. Mit der nach 1895 einsetzenden Bebauung der Gebiete nördlich und nordöstlich des Obersees erhielt dieser zunehmend eine wasserwirtschaftliche Funktion als Regenwasserrückhalte­becken, um die Niederschläge der neu gebauten Straßen aufzunehmen.

Zu diesem Zeitpunkt war die Gemeinde Hohenschönhausen noch selbständig und warb um den Standort mit der Be­gründung, dass man im Oranke- und Obersee "Rudern, Segeln, Angeln und Baden" könne. Offenbar hatte die Werbung Erfolg, denn die bauliche Entwicklung ging sehr schnell von statten, vor allem Kaufleute und Beamte schätzten die Ruhe des Ortes. Ein Zeichen für die gute wirtschaftliche Entwicklung der Gemeinde Hohenschönhausen ist der Wasserturm, der um 1900 auf dem Lindwerderberg errichtet wurde, um eine autarke Wasserversorgung zu sichern, obwohl sich bereits an der Landsberger Allee auf Lichtenberger Gebiet ein städtisches Wasserwerk befand. Die Gemeindevertretung beschloss dann 1913 den Bau einer Parkanlage am Südufer des Obersees.

Der neue Obersee, der den Namen erhielt, weil er höher als der Orankesee lag, sollte aber nicht nur das Regenwasser aufnehmen und die Brauerei mit Brauchwasser versorgen. Für die Vermarktung wurde praktisch das Nordufer verkauft, um einen höheren Marktwert zu erzielen. Zu diesem Zeitpunkt gab es kaum Erfahrung mit der Unterhaltung oder gar der Sanierung von Gewässern, da diese im besiedelten Bereich kaum anzutreffen waren. Deshalb verzichtete man auf einen öffentlichen Weg am nördlichen Seeufer.

Es dauerte etwa 50 Jahre, bis nach dem 2. Weltkrieg eine Sanierung des Obersees in Betracht gezogen wurde. Im Ar­chiv des Amtes für Umwelt und Natur Lichtenberg liegt aus dieser Zeit umfangreiches Material vor, dass die damalige Si­tuation der beiden Seen gut beschreibt. Bereits 1926 wurde am Orankesee in der Nähe des Wirtshauses eine Badestelle eingerichtet. Aus alten Fotografien kann man entnehmen, dass beide Seen noch bis etwa 1950 einen breiten Röhricht­gürtel aufwiesen. Zur Fauna und Flora liegen aus dieser Zeit keine verlässlichen Angaben vor. Es kann davon ausge­gangen werden, dass die an das Röhricht gebundenen Amphibien- und Vogelarten vorkamen, die für Berlin typisch sind. Wahrscheinlich wurde der Orankesee schon seit der Gründung des Dorfes Hohenschönhausen (es wurde 1356 erstmals erwähnt) als Fischereigewässer genutzt - Fischereirechte zählen zu den ältesten Regelungen überhaupt. Auch im Ober­see hat sich daher vermutlich recht schnell ein Fischbestand entwickelt, da ja mit dem Angeln geworben wurde.

Im zweiten Weltkrieg erhielt der Orankesee mehrere Bombentreffer. Jedenfalls wird in den alten Akten aus dieser Zeit er­wähnt, dass der Wasserstand recht niedrig war. Der gesamte Orankesee befand sich offenbar in einem schlechten Zu­stand, an Baden war wohl nicht zu denken. Eine der Ursache dafür war der Überlauf des Obersees in den Orankesee. Die Straßenentwässerung dürfte in diesen Jahren auch bereits viele Nähr- und Fremdstoffe in die Gewässer eingetragen haben, was sich vor allem im Sommer bei hohen Temperaturen auf die Wassergüte auswirkte.

Die sowjetische Armee hatte nach 1945 im Wohngebiet um den Obersee zahlreiche Häuser beschlagnahmt und einen Sperrbezirk ausgewiesen. Anfang der 50iger Jahre übernahm das Ministerium für Staatssicherheit den Bereich zwischen Oberseestraße und Obersee für eigene Nutzungen. In diesem Zeitraum fällt die Neueröffnung des Bades am Nordufer des Sees. Um eine Badewasserqualität zu garantieren, wurde der Überlauf des Obersees in den Orankesee geschlos­sen. Das hatte zur Folge, dass der Orankesee von einem Teil seines natürlichen Einzugsgebietes abgeschnitten wurde und der Wasserstand sank. Damit reduzierte sich auch die Oberfläche des Sees. Daher legte die Wasserbehörde fest, dass der Orankesee mit Grundwasser aus zwei Tiefbrunnen gespeist werden sollte. Diese Tiefbrunnen wurden 1956 in Betrieb genommen. Sie fördern das Grundwasser aus etwa 40 m Tiefe und können dem See bis zu 75 m³ je Stunde zu­führen. In durchschnittlichen Jahren beträgt die Zufuhr etwa 28.000 m³. Der Eisengehalt des Grundwassers wirkt sich positiv auf die Wassergüte aus, da er freies Phosphor bindet. Phosphor trägt zur Nährstoffanreicherung und damit zum Algenwachstum bei. Die langjährigen Wassergüteuntersuchungen durch die Umwelt- und Gesundheitsverwaltung des Senates belegen, dass sich der Orankesee in einem mesotrophen Zustand befindet und damit die höchste Gewässergü­te im Bezirk aufweist - was für die hohen Anforderungen an einen Badebetrieb in einem Oberflächengewässer auch er­forderlich ist.

Anfang der 50iger Jahre erfolgte auch eine Entschlammung des Obersees und die heute noch vorhandene Einfassung der Ufer mit Betonelementen. Das Ziel dieser Maßnahme ist heute nicht mehr bekannt, da Unterlagen fehlen. Ursprüng­lich sollte das Gartenamt Weißensee als damaliger Verwalter des Gewässers eine Sanierung vornehmen. Dann hat aber das Ministerium für Staatssicherheit als Anlieger diese Maßnahme in eigener Regie durchgeführt, was das Fehlen von Unterlagen im Archiv des Bezirksamtes erklärt. Beim Anstau des Sees hatte man die Oberfläche nicht modelliert, so dass der Seegrund wohl sehr uneben war. Im Geschiebemergel waren aber auch Torfablagerungen vorhanden. Es ist nicht auszuschließen, dass der Obersee durch Versickerung viel Wasser verlor. Ob durch die Einleitung der Straßenent­wässerung entstandenen Sedimente eine Rolle spielten, ist nicht überliefert. Jedenfalls wurde in der ersten Hälfte der 50iger Jahre (vermutlich 1953) der See entwässert und der Seeboden eingeebnet, wobei eine Insel entstand. Wahrscheinlich wurde parallel dazu das Ufer mit einer Betonkante versehen und dabei die Uferlinie in Richtung See verscho­ben. Es gibt aber auch Hinweise, dass die Ufereinfassung erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt sein könnte (in den 70iger Jahren).

Als Mitte der 80iger Jahre auch die Ufereinfassung des Orankesees in die Jahre kam, wurde hier vom Gartenamt Ho­henschönhausen eine technische Befestigung in Form einer Stahlspundwand gewählt. Im Winter 1988/1989 erfolgte der technische Verbau der Ufer. Dazu mussten mehrere alte Trauerweiden gefällt werden. Aus Gründen des Naturschutzes wurde die Spundwand zumindestens mit einer flach auslaufenden Betongitterplatte abgedeckt, um Wasservögeln und Kleintieren den Ausstieg zu ermöglichen. Die Bucht gegenüber dem Strandbad wurde weiterhin mit Faschinen befestigt, um den Baumbestand zu erhalten.

In diesen Jahren wurde versucht, Unterhaltungskosten der Gewässer auf Kosten eines naturnahen Ausbaus zu senken. Die bis dahin praktizierte Faschinierung der Ufer mit Holzmaterial musste regelmäßig in Abständen von maximal 20 Jah­ren erneuert werden, um Uferböschungen zu stützen. Die Uferböschungen entstanden in der Regel durch Verfüllen der Flachwasserbereiche, um die Ufer besser nutzen zu können. Technische Einfassungen der Gewässer entsprachen dem Zeitgeist der Moderne und wurden allgemein als ästhetisch empfunden. Sie hatten eine längere Haltbarkeitsdauer. Das hatte zur Folge, dass die Röhrichte an vielen Stellen, und nicht nur am Obersee, beseitigt wurden. Damit verschwand aber auch der Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten. Nicht umsonst galten gerade naturnahe Feuchtgebiete in den 80iger Jahren als die mit am gefährdetsten Lebensräume in Deutschland.

Im Jahr 1990 wurde nach Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit auf Beschluss der Bezirksverordnetenver­sammlung Hohenschönhausen am Nordufer des Obersees ein Rundweg angelegt. 1995 / 1996 sanierte das Gartenamt Hohenschönhausen den Park am Obersee. Es gab auch weitere Veränderungen in den beiden Grünanlagen. Das Wirts­haus am Orankesee wurde 1991 durch einen Brand zerstört. Der Wasserturm hat nach Jahren des Verfalls einen Nutzer gefunden: Eine kleine Gaststätte ist eingezogen.

Trotz aller Einschränkungen durch die technischen Ufer haben beide Seen eine gute Bedeutung für den Arten- und Bio­topschutz. Das Fischereiamt und der Deutsche Anglerverband haben am Obersee den Bitterling (Rhodeus sericeus amarus) angesiedelt. Ob sich die Bestände etablieren werden, bleibt abzuwarten. Ende der 90iger Jahre wurde die Insel des Obersees vom Eisvogel (Alcedo atthis) als Brutplatz genutzt, eine Seltenheit, denn in Berlin werden weniger als 10 Brutnachweise je Jahr bekannt.

Auch wenn für die meisten Besucher die Seen mit ihren Parkanlagen als grüne Oasen wahrgenommen werden, so gibt es leider doch Einschränkungen. Seit vielen Jahren stellt sich vor allem im Sommer bei hohen Temperaturen am Ober­see eine grünliche Färbung des Wassers ein. Verbunden ist sie oft mit Geruch und manchmal nach Starkregen auch mit toten Fischen. Ursache dafür ist die Einleitung von Regenwasser der angrenzenden Straßen in das Gewässer und eine starke Algenbildung. Als wasserwirtschaftliche Anlage ist der Obersee in die Jahre gekommen und eine Sanierung wird daher seit Jahren vorbereitet.

In der nächsten Ausgabe der Umweltzeitung erfahren Sie, welche konkrete Maßnahmen vom Amt für Umwelt und Natur zur Sanierung des Orankesees geplant sind.

Zum Abschluss hier noch die Steckbriefe der beiden Seen:

Obersee:

Wasserfläche: 37.856 m²

Uferlänge: ca. 1.026 m

Maximale Tiefe: 3,08 m

Durchschnittl. Mittl. Tiefe: 1,50 m

Wasserkörpervolumen: 56.548 m³

Höhe Wasserspiegel über NN: + 52,90 m (Dammbalkenwehr Regenwasserkanalisation)


Orankesee:

Wasserfläche: 40.546 m²

Uferlänge: ca. 940 m

Maximale Tiefe: 6,72 m (2010 wurden bei einem Tauchgang 10 m festgestellt, diese Angabe wurde bisher nicht

überprüft)

Durchschnittl. Mittl. Tiefe: 2,62 m

Wasserkörpervolumen: 106.050 m³

Höhe Wasserspiegel über NN: + 50,01 m


Literatur:

Rach, Hans-Jürgen (1988): Die Dörfer in Berlin. VEB Verlag für Bauwesen Berlin.

GUB-Ingenieur AG, Büro Berlin (2009): Gutachten für die Sanierung des Obersee / Orankesee zur Vorbereitung. Antrag UEP im Auftrag des Bezirksamtes Lichtenberg.


Juli 2011

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