Ausgabe Mai 2012
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Deutscher Naturschutzpreis 2012

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"Stadt braucht Natur - gemeinsam für Vielfalt, Naturerfahrung und Lebensqualität". Unter diesem Motto loben das Bundesamt für Naturschutz (BfN) und der Outdoor-Ausrüster Jack Wolfskin den diesjährigen Deutschen Naturschutzpreis aus. Die hochkarätig besetzte Jury vergibt den Preis für originelle Projektideen aus Naturerlebnis, Naturbildung und Naturschutz in den drei Kategorien: Förderpreis, Bürgerpreis und Ehrenpreis. Die Bewerbungsfrist für Förder- und Ehrenpreis endet am 9. April 2012, für den Bürgerpreis aber am 3. August 2012.

Weitere Informationen unter: www.deutscher-naturschutzpreis.de.

Naturerfahrungsräume für Berliner Kinder

Spiel mit losen Materialien, Park am Gleisdreieck, Foto: S. Rank, Stiftung Naturschutz
Naturerfahrungsraum Park am Gleisdreieck, Foto: Irma Stopka, Stiftung Naturschutz
Kinder und Wasser im Park am Gleisdreieck, Foto: Irma Stopka, Stiftung Naturschutz

von Irma Stopka  /   Druckversion

Ganz alleine auf Bäume klettern, unbeaufsichtigt im Matsch spielen, Staudämme bauen, Käfer um die Wette lau­fen lassen - Kinder brauchen Naturerfahrungen und zwar ganz eigenständige. Sie brauchen sie für ihre Persön­lichkeits- und Sozialentwicklung ebenso wie für die Herausbildung eines eigenen Um­weltbewusstseins. Ungestal­tete bzw. wenig gestaltete Räume, wie z.B. wilde Brachflächen, werden in unseren Städten aber immer seltener. Wie sollen dann unsere Kinder ihre Umwelt lieben und achten lernen?

Um diesem Missstand zu begegnen, wur­de bereits in den 1990er Jahren das Konzept der "Naturerfahrungsräu­me" (NERäume) entwickelt. Das Konzept bietet eine große Chance, Lebensqualität und Stadtnaturschutz zu ver­binden. Es wurde mittlerweile in einigen ländlichen Gemeinden und Städten erfolgreich in die Praxis umgesetzt. Auch in Berlin gibt es bereits Naturerfah­rungsräume im neuen Park auf dem Gleisdreieck und im Land­schaftspark Johannisthal.

Neue Chancen

Die Idee der Naturerfahrungsräume bietet eine große Chance, ein Mehr an Lebensqualität für Kinder und Stadt­naturschutz miteinander zu verbinden. Mit dem Erprobungs- und Entwicklungsvorhaben "Na­turerfahrungsräume in Großstädten am Beispiel Berlin", das von der Stiftung Naturschutz Berlin zurzeit durchgeführt wird, soll nun die systematische Einrichtung, Beobachtung und Auswertung von Naturer­fahrungsräumen im großstädtischen Kon­text in Angriff genommen und so zu einer Verbreitung der Kon­zeptidee beigetragen werden. Um Naturerfahrung innerstädtisch wieder möglich zu machen, reicht es bei weitem nicht mehr aus, "naturbelas­sene" oder "renaturier­te" Flächen für Kinder zur Verfügung zu stellen. Es scheint so, als müsse der Umgang mit Natur, die Freude über Natur bzw. die Neugierde auf Natur heute häufig wieder ganz neu erlernt oder entdeckt werden. So ist z.B. aus dem Bericht des Bundesministeriums für Naturschutz zu Naturbewusstsein in Deutsch­land 2009 (BfN 2010) ab­zulesen, dass die Naturferne der Bevölkerung in Abhängigkeit zur Gesell­schaftsschicht bzw. zum Milieu zu sehen ist. Des­interesse an der Natur ist in der Bevölkerung weit ver­breitet. Um das zu ändern, um wieder Neugierde und Freu­de an der Natur entwickeln zu können, muss ein bewusstseinsverändernder Prozess in der Gesellschaft in Gang gesetzt werden. Da bewusstseins­verändernde Prozesse sehr langwierig sind, bedarf es unter anderem auch um­fangreicher Öffentlich­keitsarbeit, wie sie auch über dieses Pilotprojekt angeschoben werden soll.

Wie wird ein "Naturerfahrungsraum" definiert und für wen ist er gedacht?

Um grob zu definieren, was ein Naturerfahrungsraum überhaupt ist, hier zunächst eine ganz nüchterne, formale Erklärung:
"Naturerfahrungsräume sind naturbestimmte Flächen weitestgehend ohne Infrastruktur, die insbesonde­re Kindern und Jugendlichen ein selbstbestimmtes Naturerleben ermöglichen sollen. Die Möglichkeiten zum Naturerleben können alle Formen des Spiels, der körperlichen Bewegung und der Ruhe einschlie­ßen".
Naturerfahrungsräume zielen auf das freie, unbeaufsichtigte Spiel der Kinder hin. Mit Ausnahme von Spielaktio­nen zum Kennenlernen und zum Abbau von Schwellenängsten bei der Begegnung mit "wilder Na­tur" soll mög­lichst keine bzw. möglichst wenig pädagogische Betreuung stattfinden.
Naturerfahrungsräume müssen kindgerecht und damit

  • für das alltägliche Spiel geeignet sein,

  • von den Kindern in Teilbereichen gestaltbar sein, um ein kreatives Ausprobieren zu ermöglichen und die Fol­gen des eigenen Handelns sichtbar zu machen,

  • Rückzugsräume bieten,

  • möglichst vielfältig strukturiert und attraktiv sein.

Wo dies nicht gegeben ist, kann durch eine Initialgestaltung nachgeholfen werden. Geeignet sind natur­nahe Be­pflanzungen, die Anlage von Hügeln und Senken oder Wasserflächen. Auch offener Boden bie­tet gute Voraus­setzungen für kreatives Spielen.

Die Planung und Gestaltung der Flächen sollte grundsätzlich in Zusammenarbeit mit den Kindern erfol­gen. Be­hutsame Pflegeeingriffe sollten nur zur Offenhaltung der genutzten Flächen in Absprache mit den Nutzern statt­finden. Andere Flächenanteile sollten sich ohne Pflegeeingriffe entwickeln können.
Naturerfahrungsräume sind vorrangig für Kinder im Alter von 6-12 Jahren gedacht, kleinere Kinder, älte­re Ju­gendliche und Erwachsene sollen aber nicht ausgeschlossen werden. Mit Ausnahme von wieder­kehrenden Spie­laktionen zum Kennenlernen und zum Abbau von Schwellenängsten soll möglichst kei­ne pädagogische Betreu­ung stattfinden. Es ist wichtig, dass die Kinder hier die Möglichkeit bekommen, auch mal "unter sich" zu bleiben und so ihre ganz eigenständigen Erfahrungen machen zu können. Eine Pflege und Kontrolle der Fläche zur Ge­währleistung der Sicherheit muss allerdings gegeben sein.

Das Berliner Pilotprojekt

Seit dem 1. Januar 2011 wird von der Stiftung Naturschutz Berlin ein Erprobungs- und Entwicklungsvor­haben (Vorunter­suchung) zum Thema "Naturerfahrungsräume in Großstädten am Beispiel Berlin" durchgeführt. Das Vorhaben wird vom Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Naturschutz, Umwelt und Reaktorsicherheit gefördert. Die Projektdurchführung erfolgt in Kooperation mit der Senatsverwaltung für Stadt­entwicklung Berlin und dem Landesbeauftragten für Naturschutz und Landschaftspflege. Projektziel ist es, das In­teresse am Aufbau von Naturerfahrungsräumen in Berlin und anderen Großstädten zu fördern. Ganz konkret sol­len in der Voruntersuchung drei bis fünf geeigne­te Flächen gefunden werden, die im Rahmen eines Folge-För­derprojektes (E+E-Hauptvorhaben) reali­siert werden. Eine wissenschaftliche Begleitung während der ersten Jah­re reflektiert die gewonnenen Erkenntnisse und sichert deren bundesweite Übertragbarkeit.

In der zurzeit laufenden Voruntersuchung wird versucht, die wesentlichen Rahmenbedingungen zu klären, die er­forderlich sind, um auf öffentlichen Flächen, verteilt über die gesamte Stadt ca. drei bis fünf Pilotflächen für Natur­erfahrungsräume einzurichten. Da es wichtig ist, die Aufgaben und Verantwortungen für Natur­erfahrungsräume auf möglichst viele Schultern zu verteilen, werden parallel zur Flächensuche auch po­tenzielle Akteure gesucht, die die Verantwortung für den Betrieb von Naturerfahrungsräumen übernehmen.

Naturerfahrungsraum in Lichtenberg

Im Rahmen der Voruntersuchung wurden inzwischen geeignete Flächen für Naturerfahrungsräume ausgewählt. Im Bezirk Lichtenberg soll an der Dathepromenade / dem Osterwäldchen eine Pilotfläche eingerichtet werden. Im Umfeld der Fläche wohnen viele Kinder, es gibt Schulen und Kindergärten und einen Jugendclub, die diese Flä­chen nutzen können. Zur Zeit werden für die Flächen Einrichtungen, wie zum Beispiel Jugendhilfeträger, Schu­len, Ju­gendclubs etc., gesucht, die sich neben den für die Grün­flächen zuständigen Ämtern, um die Be­treuung der Flächen kümmern können. Nur im Zu­sammenspiel zwischen Flächenverwaltern und verantwortungsbewuss­ten Betreibern solcher Flächen hat das Konzept Aussicht auf eine langfristige und erfolgreiche Weiterführung.
Wenn Sie sich als Verein oder Institution dafür interessieren, in einem Naturerfahrungsraum (in Lichten­berg oder auch in anderen Bezirken) aktiv zu werden, besteht die Möglichkeit Ihr Engagement im Rah­men des Projektes zu fördern.

Weitere Informationen:

Stiftung Naturschutz Berlin, Potsdamer Straße 68, 10785 Berlin
Ansprechpartnerin: Irma Stopka, Tel. (030) 26 394-193, NER(at)stiftung-naturschutz.de

Januar 2012