Initiative Transparente Zivilgesellschaft

Deutscher Naturschutzpreis 2012

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"Stadt braucht Natur - gemeinsam für Vielfalt, Naturerfahrung und Lebensqualität". Unter diesem Motto loben das Bundesamt für Naturschutz (BfN) und der Outdoor-Ausrüster Jack Wolfskin den diesjährigen Deutschen Naturschutzpreis aus. Die hochkarätig besetzte Jury vergibt den Preis für originelle Projektideen aus Naturerlebnis, Naturbildung und Naturschutz in den drei Kategorien: Förderpreis, Bürgerpreis und Ehrenpreis. Die Bewerbungsfrist für Förder- und Ehrenpreis endet am 9. April 2012, für den Bürgerpreis aber am 3. August 2012.

Weitere Informationen unter: www.deutscher-naturschutzpreis.de.

"Auf Bienen bin ich erst relativ spät gekommen"

Anne Haertel und Holger Piper, Foto: Interkultureller Garten
Blicke in die Bienenbeuten, Foto: Holger Piper
Foto: Holger Piper
Foto: Holger Piper
Foto: Holger Piper

Gespräch mit dem Imker Holger Piper über ein Imkerjahr und wie man Imker werden kann.

von Anne Haertel /   Druckversion

Anne Haertel: Seit Juli diesen Jahres stehen im Interkulturellen Garten in der Liebenwalder Straße 12-18 deine Bienenstöcke. Wie bist du zum Imkern gekommen?

Holger Piper: Ich bin jetzt seit zehn Jahren in Berlin, komme aber aus einem kleinen Dorf mit viel Natur und Landwirtschaft. Mit der Zeit wuchs mein Wunsch, mir ein Stück Natur in die Stadt zu holen. Ich hatte das Gefühl, ich brauche mehr Natur in meinem Leben.

Anne Haertel: Wie bist du dann ausgerechnet auf Bienen gekommen?

Holger Piper: Fasziniert hat mich das Naturnahe: Bienen sind ja eigentlich Wildtiere, denen man lediglich eine Behausung zur Verfügung stellt. Wenn man sie richtig behandelt, arbeiten sie für einen. Ich finde es sehr inter­essant, wie so ein Bienenvolk mit Königin, Arbeitsbienen und Drohnen organisiert ist und wie so ein Staat funktio­niert. Mich hat die Vorstellung gereizt, neben dem üblichen Gärtnern in der Stadt etwas zu produzieren, was ein regionales Lebensmittel ist und was einen Gebrauchswert besitzt. Ja, und schließlich finde ich diesen Zusam­menhang zwischen Pflanzen und deren Blütenpollen und eben Tieren gut. Man setzt sich ganz anders mit Pflan­zen auseinander und Tiere haben mich schon immer interessiert. Auf Insekten bin ich aber erst relativ spät ge­kommen.

Anne Haertel: Wann denn?

Holger Piper: Im vergangenen Jahr (2010) im Sommer. Ich hatte da so ein Schlüsselerlebnis, als ich beim Tag der Offenen Tür im Länderinstitut für Bienenkunde in Hohen Neuendorf mir alles angeguckt und erklären lassen habe. Danach war mir dann klar, dass es die Bienen sind. Zu Weihnachten habe ich mir selbst dann die erste ei­gene Beute geschenkt. Die Beute ist der Kasten, in dem das Bienenvolk lebt, also die Bienenwohnung. Im Winter ging ja dann leider nichts. Was sich dann aber doch als gut herausstellte, denn so konnte ich die Zeit für meine eigene Vorbereitung und für Kontakte mit Imkern und Vereinen nutzen.

Anne Haertel: Ich muss sagen, ich finde das ganz schön mutig, zu sagen, mich interessiert Imkerei und jetzt fange ich an. Das beeinflusst doch das eigene Leben mehr als ein Hund, oder?

Holger Piper: Teilweise. Im Vergleich zum Landwirtschaftsbetrieb, wie ich ihn aus meiner Kindheit kenne, oder im Vergleich zu einem Hund ist die zeitliche Gebundenheit nicht so stark. In der Zeit von April bis Juni sollte man ungefähr ein Mal pro Woche bei den Bienen sein. Zu häufig in die Beute gucken, was man als Anfänger aus Neugier wohl zwangsläufig macht, ist aber auch nicht gut. Da musste ich mich selbst auch bremsen. Ab Mitte Juli ist dann trotzdem Urlaub möglich und auch im Winter ist ja nicht viel los.

Anne Haertel: Wie verläuft denn so ein Imker-Jahr genau?

Holger Piper: Ende März beginnt die Zeit. Dann muss man sich als Erstes vergewissern, wie die Völker den Win­ter überstanden haben. In der Beute gibt man dem Volk wieder Raum, sich zu entfalten, so dass es wachsen kann. Das heißt, man vergrößert den Brutraum, in dem sich die Königin aufhält und der sich unten in der Beute befindet. Dann setzt man oben drüber den Honigraum drauf.

Im Mai gibt es dann bereits die erste Honigernte. Wichtig sind im Mai und Juni die Schwarmkontrollen. Das Volk vermehrt sich mit dem Trieb zu schwärmen, darf aber natürlich nicht ausschwärmen. Dagegen muss man Maß­nahmen ergreifen. Gleichzeitig nutzt man den Trieb zur Schwarmbildung aus und steuert gezielt die Vermehrung.

Mitte Juli findet dann die letzte Honigernte statt. Gleichzeitig beginnt man mit der Behandlung gegen die Varro­amilbe, die seit den 1970er Jahren in Deutschland vorkommt. Und dann geht es gleich weiter mit der Einfütterung für den Winter.

Neben der Arbeit mit den Bienen spielt dann noch die Vermarktung von Honig und eventuell Produkten aus Bie­nenwachs eine wichtige Rolle.

Anne Haertel: Mir geht gerade durch den Kopf, dass für Menschen, die in den Zentren von Großstädten aufwachsen, Insekten, wie Spinnen, Bienen, ja selbst Fliegen zu Exoten werden. Ihre Existenz und ihre Notwendigkeit für unser Leben, zu denen unsere Lebensmittel oder unsere Balkonblumen zählen, wer­den vergessen. Gerade Menschen, die gar keine Berührung mehr mit Insekten haben, können furchtbare Ängste entwickeln. Ist ihre Angst eigentlich berechtigt?

Holger Piper: Bienen, die in der Stadt gehalten werden, müssen sehr sanftmütig sein - das ist das wichtigste Kri­terium. Durch die Auswahl einer entsprechenden Königin, die mit ihren genetischen Eigenschaften direkt Einfluss auf das Verhalten aller Bienen im Volk hat, kann der Imker dies steuern. Bienen in der Stadt sind also sehr sanft­mütig, denn man will es sich nicht mit den Nachbarn verderben. Das muss man einfach wissen. Und jeder Mensch, der Angst vor Bienen verspürt, sollte sich immer vor Augen halten, dass sich Bienen von Natur aus für Blüten interessieren, nicht für Menschen. Man sollte sie nicht bedrängen - wer hat das schon gern. Und wir soll­ten nicht vergessen, dass die Bienen schon vor uns hier waren. Wir sind als Menschen mit unseren Städten erst nach ihnen gekommen. Die Bienen brauchen uns nicht. Wir aber wollen was von den Bienen.

Anne Haertel: Zu deinen Bienenstöcken kommt regelmäßig ein ca. dreizehnjähriger Junge, um sie zu be­suchen. Weißt du, was ihn an den Bienen fasziniert?

Holger Piper: Er interessiert sich vor allem für die Organisation und das Sozialverhalten der Bienen. Oft sitzt er hier lange und beobachtet, wie sie ein- und ausfliegen. Ich glaube, das Sitzen und Beobachten verleiht ihm eine gewisse Ruhe.

Anne Haertel: Du betreibst das Imkern als Hobby neben Arbeit, Familie und anderen Interessen. Was un­terscheidet denn einen Hobby-Imker von einem Berufs-Imker?

Holger Piper: Das legen Finanzamt und Berufsgenossenschaft fest. Wer unter dreißig Völker hat, ist ein Hobby-Imker. 30 bis 100 Bienenvölker gelten als Nebenerwerb und bei mehr als hundert Völkern spricht man von einem Vollerwerb.

Anne Haertel: Gibt es eine große Konkurrenz zwischen den Imkern in Berlin?

Holger Piper: Oh, nein. Berlin hat mit ca. 600 Imkerinnen und Imkern (2011) zwar eine hohe Dichte an Imkern, hat aber als Großstadt auch einen hohen Bedarf. In Deutschland ist die Nachfrage an Honig allgemein hoch. Im Schnitt werden in Deutschland 1,4 kg Honig pro Person im Jahr verzehrt. Leider werden davon nur ca. zwanzig Prozent des nachgefragten Honigs in Deutschland selbst erzeugt.

Anne Haertel: Kann eigentlich jeder imkern?

Holger Piper: Der "Imker" ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Aber Du meinst, welche Voraussetzungen man mitbringen sollte? Man muss bereit sein, Verantwortung zu übernehmen, Zeit zu investieren und die Termi­ne zu beachten, insbesondere für die Behandlung der Varroa-Milbe. Dann gibt es Regeln für die Lebensmittelher­stellung und die Gewährleistung der Lebensmittelqualität, die eingehalten werden müssen, wenn man Honig ver­schenken oder verkaufen will. Ein wenig körperliche Fitness ist auch von Vorteil, denn gefüllte Honigwaben und volle Honigeimer können ziemlich schwer sein. Im Vorhinein kann man sich auf eine Bienengiftallergie testen las­sen - wenn man da Bedenken hat. Ja, und dann ist noch ein passender Standplatz für die Bienen wichtig, wo es eine Vielfalt an Nektar und Pollen gibt.

Anne Haertel: Was müsste ich denn als werdende Imkerin investieren?

Holger Piper: Beim Imkern sind die Anfangsinvestitionen hoch, aber im Vergleich zu anderen Hobbys wie Reiten oder Segeln eher gering. Eine komplette Erstausstattung mit allem Drum und Dran schätze ich jetzt mal auf 2000 Euro. Wenn man zum Beispiel den Honig erstmal bei einem Imkerkollegen schleudern kann und sich somit die Schleuder spart, kostet ein Bienenvolk mit Beute etc. um die 250 Euro. Dabei würde ich immer die Holzbeuten den Styropor-Beuten vorziehen. So eine Beute hält dann aber auch etwa zehn Jahre, so dass die Folgekosten deutlich geringer werden - im Unterschied zu anderen Haustieren, wo sie eher steigen. Ich würde übrigens emp­fehlen, nicht mit einem, sondern mit mindestens zwei Bienenvölkern zu starten, um eventuelle Verluste auszu­gleichen.

Anne Haertel: Zum Schluss möchte ich gern noch wissen, was du als Imker aus deinen ersten Erfahrun­gen neuen Imkern empfehlen würdest.

Holger Piper: Aus meiner Erfahrung würde ich jedem Neuen empfehlen, sich direkt an einen Imker zu wenden und sich alles ganz genau anzuschauen. Bevor man richtig anfängt, sollte man erstmal ein Jahr lang einem Er­fahrenen über die Schultern schauen und nicht so wie ich, sofort anfangen. Ich habe einige Fehler gemacht. Man sollte sich bewusst machen, ob man die Verantwortung übernehmen will und kann, die man gegenüber den Tie­ren und natürlich auch gegenüber der restlichen Umwelt hat.

Honig von Holger Piper aus dem Interkulturellen Garten Lichtenberg kann im Interkulturellen Garten, Liebenwal­der Str. 12-18, 13055 Berlin erworben werden.

Weitere Informationen: www.honigmacherei.de, www.interkulturellergarten.de

November 2011