Initiative Transparente Zivilgesellschaft

Deutscher Naturschutzpreis 2012

Jetzt bewerben!

"Stadt braucht Natur - gemeinsam für Vielfalt, Naturerfahrung und Lebensqualität". Unter diesem Motto loben das Bundesamt für Naturschutz (BfN) und der Outdoor-Ausrüster Jack Wolfskin den diesjährigen Deutschen Naturschutzpreis aus. Die hochkarätig besetzte Jury vergibt den Preis für originelle Projektideen aus Naturerlebnis, Naturbildung und Naturschutz in den drei Kategorien: Förderpreis, Bürgerpreis und Ehrenpreis. Die Bewerbungsfrist für Förder- und Ehrenpreis endet am 9. April 2012, für den Bürgerpreis aber am 3. August 2012.

Weitere Informationen unter: www.deutscher-naturschutzpreis.de.

Grüner Campus Malchow

Foto: grashuepfer-familienbildung.de

Interview über den geplanten Grünen Campus mit Tobias Barthl, Schulleiter der Schule im Grünen, Malchow

von Anne Haertel  /   Druckversion

Anne Haertel: Herr Barthl, wie sind Sie zur Schule im Grünen in Malchow gekommen?

Tobias Barthl: Ganz einfach. Ich habe mich im Mai 1991 hier als Schulleiter mit meinem ökologischen Konzept beworben und bin genommen worden. Die Natur, die Umwelt waren mir schon immer ein Anliegen und so habe ich als junger Lehrer gemeinsam mit Dr. Wedekind erst die Idee und dann ein ökologisches Schulkonzept dazu geschrieben.

Anne Haertel: Grüne Schule, Umweltlehre, Tiere im Schulbauernhof. Was lernen Kinder hier, was sie woanders nicht lernen?

Tobias Barthl: Was Kinder an anderen Schulen nicht lernen, kann ich nicht beantworten. Hier lernen sie den Um­gang mit der Natur, in dem sie sie untersuchen, sie mit gestalten und sie täglich erleben. Wir haben ein sehr kom­paktes Angebot. Wichtig ist der enge Kontakt zu den Tieren und ihre Pflege. Die Kinder sind eingebunden in den Lebenslauf der Tiere und der Natur. Die Pflege der Tiere und das praktische Arbeiten und Leben mit den Tieren, das Fach Wirtschaft-Arbeit-Technik und der enge Kontakt zu gemeinnützigen Vereinen und zu Unternehmen sind uns wichtig.

Anne Haertel: Statt Grundschule im Grünen heißt es nun "Grüner Campus Malchow" - Können Sie unseren Le­sern kurz beschreiben, was sich dahinter verbirgt?

Tobias Barthl: Es geht darum, die Grundschule im Grünen zu einer weiterführenden Schule zu entwickeln und als Integrierte Sekundarschule die Sekundarstufen I und II anzubieten. Dazu nimmt die Grundschule im Grünen - übrigens als einzige Schule unseres Bezirkes - seit diesem Schuljahr an dem Pilotprojekt "Gemeinschaftsschule" des Berliner Senats teil. Insgesamt beteiligen sich 20 Berliner Schulen daran. Gemeinschaftsschule heißt, dass alle gemeinsam lernen und dass alle Schulabschlüsse bis zum Abitur möglich sind. Unabhängig von den Voraus­setzungen der Kinder und Jugendlichen soll die Gemeinschaftsschule zu mehr Chancengleichheit und -gerechtig­keit führen. Wir wissen, dass manche Kinder keine geradlinigen Entwicklungswege nehmen. Manchmal stellt sich heraus, dass ein Kind, das schon abgeschrieben ist, plötzlich erstaunliche Entwicklungsschritte macht. Wir wollen für diese Möglichkeiten offen bleiben und jeden einzelnen Schüler auf jeden möglichen Schulabschluss vorberei­ten.

Um das zu ermöglichen, brauchen wir natürlich auch mehr Platz. Zum Beispiel haben wir schon für die jahr­gangsübergreifende Eingangsstufe (Jül), die erste bis dritte Klasse, die wir hier gemeinsam unterrichten, nur so viele Räume wie wir auch Gruppen haben. Das heißt, für spezielle Aktionen und Gruppenteilungen ist kein Raum übrig.

Mit Beginn des Schuljahres und dem Start als Pilotprojekt "Gemeinschaftsschule" wurden nun vier siebente Klas­sen eingerichtet, die auch irgendwohin müssen und denen dann Jahr für Jahr die nächsten Jahrgänge folgen werden. Deshalb nutzen wir die beiden Fontanegebäude I und II in der Doberaner Str. 55 und Am Hechtgraben 1a. Zusammen mit der bisherigen Schule im Grünen an der Malchower Chaussee 2 müssen die drei Standorte zu einer gemeinsamen Schule zusammenwachsen. Deshalb sprechen wir hier vom Grünen Campus Malchow.

Anne Haertel: Eltern aus mehreren Bezirken wollen ihre Kinder hier einschulen. Wieviele Chancen haben Kinder aus dem Bezirk Lichtenberg?

Tobias Barthl: Über die Auswahl der Grundschulkinder entscheidet der Bezirk, so dass insbesondere die Hohen­schönhauser Kinder aus dem direkten Umfeld große Chancen haben. Dann befinden wir uns hier ganz nah am Bezirk Pankow. Auch von dort kommen viele Kinder. Bei den höheren Klassen läuft dann das übliche Bewer­bungsverfahren. Wir möchten gern einen möglichst großen Stamm der Schülerinnen und Schüler der sechsten Klassen in die siebte Klasse weiterführen. Dazu kommen dann vermutlich Kinder und Eltern, die sich unser öko­logisches Profil speziell ausgesucht haben. Wie sich diese neue Mischung dann entwickelt, das müssen wir nun erstmal abwarten. Bei der Integration der neuen Kinder in der Schule helfen die verschiedenen thematischen Pro­jekte, die jahrgangsübergreifend sind und wo ein Miteinander wachsen kann. Wissen muss man außerdem, dass der Anteil an Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf hoch ist. Etwa 10 Prozent unserer Kinder werden des­halb gezielt hierher vermittelt. Für ihre Entwicklung erhofft man sich, dass unser Konzept, der Umgang mit Tieren und das Lernen in unserer relativ kleinen Schule besonders förderlich für ihre Entwicklung sein werden.

Anne Haertel: Was beobachten Sie an den Kindern, die hier zwischen Hochhausgebiet und ländlicher Natur auf­wachsen. Gibt es da Besonderheiten?

Tobias Barthl: Egal woher die Kinder kommen, besonders die kleinen Kinder sind alle leicht für die Natur zu be­geistern. Für die Landkinder ist Natur nichts besonderes. Sie ist immer da. Diese Kinder nehmen Natur ganz an­ders war und bewegen sich in ihr auch anders, als Kinder aus den Hochhausblöcken. Und das ist selbst am Ran­de von Berlin so. Bei Umweltbildung geht es darum, die Dinge, die um uns herum passieren, in Frage zu stellen. Vor kurzem hat eine Projektgruppe Beobachtungen am Teich gemacht. Ich habe mir gedacht, na mal sehen, was das gibt. Die Kinder waren hinterher total ergriffen von dem, was sie gehört, gesehen und erlebt hatten.

Anne Haertel: Wie geben Sie Ihre Erfahrungen und Erkenntnisse an andere Schulen, an den Bezirk weiter und wie bringen Sie sich in die Diskussionen um Bildungskonzepte ein?

Tobias Barthl: Wir haben uns in den letzten zwanzig Jahren Stück für Stück in die Diskussionen eingebracht und sind offen für Entwicklungen und neue Erkenntnisse unserer Arbeit. Die größte Würdigung für unsere Arbeit ha­ben wir 2008 mit der Verleihung des Deutschen Schulpreises der Robert-Bosch-Stiftung erfahren. Das ist für uns eine große Anerkennung und die höchste Auszeichnung, die wir uns denken können. Unsere Schule nimmt als einzige ökologische Schule mit ihrem speziellen Konzept per se eine besondere Position ein und hat einen guten Ruf. Das ist natürlich äußerst wünschenswert, zieht aber auch Neider nach sich. Mich persönlich stört das Kon­kurrenzdenken unter den Schulen.

Anne Haertel: In den Grünen Campus Malchow wird auch die Hohenschönhauser Filiale der Gartenarbeitsschu­le des Bezirkes integriert. Was haben Sie hier vor?

Tobias Barthl: Seit Herr Weigel nicht mehr für die Gartenarbeitsschule tätig sein kann, wurde das Gelände nicht mehr viel genutzt. Wir als Schule und die Eltern unseres Fördervereins haben schon über mehrere Jahre hinweg die Feste und Aktivitäten der Gartenarbeitsschule durch Ideen, Material und Personen unterstützt. Obwohl das ei­gentlich nicht unsere Aufgabe gewesen wäre, lag sie uns doch sehr am Herzen. Nun sind die Bedingungen, die der Bezirk setzt, andere: Die personellen Ressourcen für die Gartenarbeitsschule sind nicht vorhanden. Deshalb war es die Idee, diesen Standort in den Grünen Campus Malchow mit zu integrieren. Ein Teil wird im Rahmen des Campus grün gestaltet und ein Teil wird als Beete zur Verfügung stehen. Wer Interesse hat, zu gärtnern, kann sich gern bei uns melden.

Anne Haertel: Was sind für Sie die nächsten Schritte zum Grünen Campus Malchow?

Tobias Barthl: Es geht darum, die Rahmenbedingungen für die pädagogische Arbeit in den weiterführenden Klassen ab Klasse 7 zu schaffen. Dazu gehören bauliche Veränderungen, um die Räume für die Klassen zu schaffen. Aber es geht natürlich auch darum, dass der Campus als Campus auch wahrgenommen werden soll: Drei Gebäude sind eine Schule, sind ein Campus. Das bedeutet zum Beispiel, dass die Straße und die Zäune weg müssen und sich auch die ökologische Ausrichtung auf dem Gelände zwischen den Gebäuden erkennbar zeigt.

Stück für Stück werden wir Dinge ausprobieren und sehen: Was wollen wir, was können wir, was sind Alternati­ven. Im Endeffekt das, was wir seit 20 Jahren schon machen.

Anne Haertel: Viel Erfolg dabei!

20. September 2011